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Vollmond und positives Denken
Die Sonne weckt mich durch den Gardinenspalt. Bin ich auch wieder total unausgeschlafen, lege ich nach schmerzhaftem Aufstehen den positiven Gang ein. Balkontür auf, tief durchgeatmet - guten Morgen, Tag! Du lächelst? Gut! Ich werd's auch versuchen. Die erste Freude finde ich im Computer. Meine Tochter schickt per Handy ein Foto, um das ich bat. Schön geworden! Wir telefonieren ausführlich. "Ich hab dich lieb." "Ich dich auch!" Das Telefon klingelt
durchdringend. Ach ja, ich hatte es lauter eingestellt. Diese technische
Funktion ist mir gestern selbst gelungen - Eigenlob! "Die Lieferung
des Buches, das du bestellt hast, verzögert sich", sagt meine
Buchladenfreundin. Negativ gedacht: Schade! Später mache ich mich auf den Weg zum Bus. An der Haltestelle treffe ich eine alte Frau. "Lange nicht gesehen. Wie geht's?" "Wirklich gut", antworte ich lächelnd. Wer schwindelt nicht ab und zu ein bisschen? Sie erzählt von ihrer Tochter, die Depressionen hat. "Denken Sie mal an! Und wir dachten, es seien die Wechseljahre." Ich denke: Die Tochter sollte den Arzt wechseln, bestimmt SIND es die Wechseljahre (in dem Alter!). Beim Arzt ist es leer,
der Doktor nicht anwesend. Die Röntgenbilder, die er sehen möchte,
lasse ich dort, werde sie in den nächsten Tagen abholen. Positiv
denkend wünsche ich der Arzthelferin fröhlich einen guten Tag.
Auf die Straßenbahn brauche ich nicht lange zu warten, finde einen Einzelplatz, gut zum Herausnehmen von Block und Stift. In Ruhe fahre ich Richtung Stadt, die Sonne wärmt durch die Scheibe mein Gesicht. Plötzlich packe
ich Lesebrille und Schreibzeug in die Handtasche zurück, halte beim
Hausarzt an. Er ist aus dem Urlaub zurück. Die Straßenbahntür
will sich schon schließen, doch ein netter Mitfahrender hält
sie mir auf. Als ich die Praxis verlasse, ist es kurz vor Mittag und ich denke: Bisher lief der Tag doch ganz gut. Nun weiter in die Innenstadt.
Mal wieder ein Biobrot kaufen, statt eines vom Schnellbäcker um die
Ecke. Nun geht's zum Einkauf
einiger Kurzwaren für meine Mutter, die mich bat, ihr etwas zu besorgen.
Am Ampelüberweg
entdecke ich auf der Straße 10 Cent, will sie aufheben, gebe es
auf. Im Eisladen angekommen, herrscht leider gedrückte Stimmung. Der nette Kellner hat Tränen in den Augen. Ich weiß sofort, dass der Hund seiner Freundin gestorben ist, es stand schlimm um ihn. Der junge Mann winkt ab, doch kurze Zeit später lässt er sich ein wenig trösten. Er möchte am liebsten ins Flugzeug steigen, um der Freundin Beistand zu leisten. Für die Zeit eines Wimpernschlages träume ich mich ebenfalls fort, rufe mich jedoch zur Ordnung, möchte das positive Denken nicht unterbrechen. Der Kaffee wird kalt - wie oft. So macht Milchschaumlöffeln keinen Spaß. Heute hält es mich nicht so lange an meinem Stammplatz. Ich flüchte in die Sonne, atme draußen tief durch. Der erste Bus kommt sofort. Doch schaffe ich Schnecke es nicht. Als es Grün wird, fährt er los. Positiv: Es gibt in
der Nähe eine zweite Buslinie. Später, auf dem Balkon, strecke ich alle Viere von mir, lasse mich von der Sonne auf die Nasenspitze küssen, vom Vogelgezwitscher einlullen und gleite in eine spätnachmittägliche Traumwelt
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