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Von Grau zu amüsant
Als ich heute Morgen aufwache, fühle ich mich gar nicht mal so schlecht. Obwohl der Mond in zwei Tagen sein Voll erreicht hat, haben Wolken ihn zugedeckt, so dass er mich nächtens nicht ärgern konnte. Ich trete auf den Balkon, um den neuen Tag zu begrüßen, doch möchte ich am liebsten den sommerblumenblaugrundigen Schlafzimmervorhang wieder zuziehen. Was für eine graue Suppe draußen! Beinah will der Novembernebel auch in mein Inneres, doch ich lasse es nicht zu. Laut rufe ich "NEIN", denn ich möchte diesen Freitag froh verleben. Schlechte Laune wird ausgesperrt, Kerzen am Frühstückstisch sind dazu recht hilfreich. Fröhliche Radiomusik lässt mich mitsummen. Aua! "Siehste, jetzt hast du selbst Schuld", sage ich laut zu mir. "Warum kannst du nicht aufpassen." An einem Stuhlbein habe ich mir den großen Zeh gestoßen. Es tut ziemlich weh, weil der Zehnagel sich vor ein paar Tagen restlos abgelöst hat. Vor zwei Monaten hatte ich mir diesen Zeh im Urlaub an einem Tisch gestoßen, so dass er blutunterlaufen war. Na ja, er wird schon nachwachsen. Doch soll ich eben nicht übermütig sein. Der Druckschmerz im Schnürschuh ist schon heftig genug. Meiner Stimmung tut der kurzzeitige Schmerz dennoch keinen Abbruch, denn heute steht einiges auf meinem Plan. Nachdem die Küche aufgeräumt ist und ich ausgehfertig bin, klingelt es an der Tür. Meine Hilfe ist pünktlich, um mich zu meinem Orthopädieschuhmacher zu fahren. Einmal pro Jahr steht mir ein Paar Maßschuhe zu, und die möchte ich abholen. Sie passen sofort, doch freue ich mich nicht drauf. Das Einlaufen braucht immer ein paar Tage, bis ich das Gefühl habe, die Schuhe sind für meine Füße gut. Der erste Termin ist geschafft. Nun gönne ich mir eine Akupunktur, und meine Hilfe setzt mich genau vor der Praxis ab. Der Therapeut hat ein neues Lasergerät, das die Behandlung der Nadeln unterstützen soll. Nach kurzer Zeit kann ich herrlich entspannen und fühle mich am Ende total relaxt. Diese körperliche und psychische Runderneuerung tut wirklich gut. Beschwingt verlasse ich die Praxis. Nein, heute möchte ich nicht im Eisladen Kaffee trinken. Mit der Straßenbahn fahre ich in die Stadt, um ein kleines Cafe aufzusuchen, in dem der Milchkaffee noch besser als beim Italiener schmeckt. Als ich die Tür öffne, wundere ich mich, wie viele Leute hier bereits sitzen. Es ist kurz nach 11 Uhr, und ich frage mich, ob die alle nicht arbeiten müssen. Na ja, ich habe ja auch Zeit, um mich hier aufzuhalten. Strickzeug, Buch und Lesebrille trage ich immer in der Handtasche mit, so dass die Zeit im Nu vergeht. Während des Aufenthaltes kann ich die Nachwirkungen der Akupunktur genießen. Als die große Kaffeetasse leer ist, überlege ich, was ich nun tun möchte. Gestern wurde der Weihnachtsmarkt eröffnet, vielleicht kann ich einen Bummel riskieren. Doch als ich zur Hauptstraße komme, wo die Buden aufgereiht stehen, entscheide ich mich dagegen. Das Laufen fällt mir doch schwer, ich möchte lieber vorsichtig sein. Also betrete ich ein Kaufhaus, um die neu eingerichtete Buchabteilung zu suchen. Als ich auf die Uhr sehe, ist es Mittagszeit. Ich entscheide um und gehe ins Restaurant. Lange habe ich keine Backkartoffel mit Kräuterquark mehr gegessen und habe plötzlich Appetit darauf. Am Tisch stelle ich fest, dass zwar zu viele rohe Zwiebeln im Quark sind, doch schmeckt mir das Essen trotzdem. Nachdem ich noch eine Weile andere Gäste beobachtet habe, fahre ich mit der Rolltreppe in die oberste Etage. In diesem Haus wurde alles umgeräumt, so dass ich mich erst orientieren muss, wo sich die Buchabteilung befindet. Doch in genau diesem Moment fällt mir etwas anderes ins Auge. Allerliebste kleine Teddybären schauen mich beinah zärtlich an, so dass ich mich direkt in sie verliebe. Ich lese den Preis und suche einen in der gesamten Kollektion aus, der mich mit freundlichen Augen anlacht. Ja, ich werde heute mal an mich denken und dieses Kuscheltier kaufen. Frauen sollten sich ab und zu selbst ein Geschenk machen, hab ich irgendwo gelesen. Gleich nebenan befindet sich die Buchabteilung. Regale und Tische sind frisch eingeräumt worden, und es ist herrlich, in Büchern zu wühlen. Spontan nehme ich ein Taschenbuch in die Hand, dessen Titel mich anspricht: "Wie Männer ticken - Über 100 Fakten, die aus jeder Frau eine Männerversteherin machen". Ich fange direkt an, ein wenig darin zu schmökern. Warum nicht mal ein lustiges Buch, das mich ablenkt? Schon bei den ersten Zeilen weiß ich, dass es mir gefällt. Mit einem Strahlelächeln auf dem Gesicht und meinem kleinen Bärenfreund unter dem Arm suche ich die Kasse. Die Verkäuferin steckt das Bärchen lieblos in die Einkaufstüte, und ich sage: "Doch nicht auf den Kopf. Der Kleine kriegt ja eine Gehirnerschütterung." Sie stutzt, doch plötzlich lacht sie herzlich und ich weiß, diese kleine Zwischendurchfreude tut ihr im Vorweihnachtstrubel gut. Im Bus auf dem Nachhauseweg hole ich meine Lesebrille hervor und fange an zu lesen. Einmal muss ich so laut lachen, dass ein Mitfahrender irritiert schaut. Eine gute Entscheidung, dieses Buch zu kaufen, es ist einfach köstlich geschrieben. Ich packe es in die Tüte zurück, betrachte den neuen Bär ausgiebig, und wieder freue ich mich über den Kauf, denn ich habe einen Namen für ihn gefunden. Zuhause nehme ich Stift und Block und schreibe ein Gedicht über Mein neues Bärchen Ein kleiner Bär,
Hubert genannt er fühlt' sich
an so kuschelweich die Füße
wärmt er mir zwar nicht Durchaus zufrieden mit den heutigen Unternehmungen weiß ich, dass ich Hubertchen abends mit ins Bett nehmen werde An diesem Tag, der grau begann und amüsant endete, gibt es wirklich nichts zu rütteln!
(23. November 2007)
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