| Was
für ein Vormittag!
Kurz nachdem ich aufgewacht bin, wanke ich - noch bettwarm - auf den Balkon, um den Tag zu begrüßen. Heute bin ich ungefähr eine Stunde später dran. Da ich nicht frühstücken darf, hat mein Mann allein gegessen und mich länger schlafen lassen. Kälte umfängt mich, schlaftrunken recke ich mich. Bevor ich zurück ins Zimmer gehe, erlebe ich allerdings ein zauberhaftes Morgenrot. Solch einen herrlichen Himmel habe ich lange nicht mehr erlebt und kann mich kaum satt sehen. Sicher wird es ein schöner Tag, auf den ich mich freue! Nachträglich muss ich lachen, denn erst später werde ich mich an ein ostfriesisches Sprichwort erinnern: "Morgenrot bringt Wasser in Schlot (Graben)". Inzwischen hat sich mein Mann bürofertig gemacht und sogar die Küche aufgeräumt. Auch sein Frühstücksbrot liegt eingewickelt parat, so dass ich ihm nur noch "gute Fahrt" wünsche und ihn mein Abschiedskuss begleitet. Auch wenn ich wegen anstehender Blutabnahme beim Hausarzt nüchtern bleiben und nicht nur auf das Frühstück sondern auch auf den Morgenkaffee verzichten muss, habe ich gute Laune. Schaue kurz in den Computer, beschließe jedoch, Mails später zu beantworten. Danach erledige ich meine Morgentoilette und mache die Betten. Dann das, was ich für unsere Haushaltshilfe vorzubereiten habe, schließe die Balkontüren und verlasse die Wohnung. Heute steht einiges auf dem Plan. Der Bus kommt pünktlich, ich erreiche die Praxis rechtzeitig. Dort allerdings muss ich warten, obwohl das Wartezimmer leer ist. Macht nichts, ich habe Zeit eingeplant. Also reibe ich meinen linken Arm, aus dem Blut abgenommen werden soll, erst einmal kräftig mit der rechten Hand. Bei mir sind Venen schwer zu finden, und bevor der Arzt sich selbst bemühen muss, will ich es wenigstens so versuchen. Es zahlt sich aus, denn die Helferin hat kurze Zeit später gleich beim ersten Einstich Glück. Ich bedanke mich, was sie freut. Wir unterhalten uns
noch einen Moment, als ihr Chef mich in dem Raum entdeckt. Ich stutze,
weil er mich begrüßt und sich freundlich nach meinem Befinden
erkundigt. Als ich fröhlich
die Praxis verlasse, erhalte ich noch die vorbestellte Überweisung
zum HNO-Arzt, den ich anschließend aufsuchen will. Vorher allerdings
möchte ich frühstücken. Gegenüber der Hausarztpraxis
gibt es einen Bäcker mit angeschlossenem kleinem Cafe. Dort bestelle
ich mir ein "Express-Frühstück." Bis zum nächsten Arzttermin habe ich noch eine dreiviertel Stunde, also kann ich in Ruhe essen. Möchte Stift und Block aus der Handtasche nehmen, als mir die Überweisung in die Hände fällt. Ich setze meine Lesebrille auf und entdecke: Augenheilkunde. Oh nein, auch das noch. Jetzt aber rasch, denn die Zeit wird nun doch knapp. Schnell esse ich das letzte halbe Brötchen auf und gehe zurück zur Arztpraxis. Gut, dass es nicht so weit ist, und noch besser, dass ich auf das Blättchen geschaut habe. Dort erbitte ich eine neue Überweisung und begebe mich danach schleunigst auf den Weg zur Straßenbahn, für die ich nur zwei Überwege überqueren muss. Als eine Bahn kommt, fängt es an zu nieseln. Ich habe keinen Schirm, will mich dennoch nicht ärgern. Meine Jacke hat eine Kapuze, die hält eine ganze Menge aus. Während der Fahrt erinnere ich mich noch einmal an die Freundlichkeit der Helferin und des Arztes. Ist doch bisher alles gut gelaufen! Wenn jetzt das Blutergebnis auch noch zufriedenstellend ist Das aber erfahre ich erst morgen. Als ich an der Haltestelle aussteige, von wo aus ich zur HNO-Praxis muss, regnet es mehr. Ich stülpe meine Kapuze auf und erreiche nach wenigen Minuten ein Ärztehaus. Die Praxis befindet sich in der ersten Etage, ich benutze den Fahrstuhl, denn heute muss ich noch genug laufen. Dort angekommen, staune ich. Jeder Wartezimmerstuhl ist besetzt. Nicht mal einen freien Kleiderbügel gibt es. Wie gut, dass ich einen Termin habe! Ich melde mich an und lehne mich an eine Wand, damit ich nicht ins Stolpern komme und nicht im Weg stehe. Niemand bietet mir einen Stuhl an, ich bitte auch nicht darum. Die meisten Patienten sind älter als ich. Obwohl, der junge Mann dort am Fenster . Nein, ich frage nicht. Er hat mich schließlich gesehen. Als die zweite Helferin aus einer kleinen Küche kommt, bittet sie mich in ein kleines Nebenzimmer. Dort stehen eine Liege für Infusionspatienten und zwei Stühle. Wunderbar! Hier kann ich gut sitzen, keine Patienten mit Erkältungen können mich anstecken, und die Luft ist frisch. Ich nehme Block und Stift hervor, um erste Ideen für neue "Morgengedanken" zu notieren. Bereits nach kurzer
Wartezeit ruft mich der Arzt ins Sprechzimmer und stellt fest, dass ich
vor zwei Jahren zum letzten Mal bei ihm gewesen bin. Ich berichte von
einer Erkältung seit zwei Wochen und dass ich auf dem rechten Ohr
ein bleibendes Druckgefühl habe. Na, wenigstens etwas, denke ich beruhigend und folge ihm erneut ins Sprechzimmer. Medikamente gegen die doch vorhandene Nebenhöhlenentzündung darf er mir nur auf Privatrezept verordnen. Die Kassen übernehmen die Kosten hierfür nicht mehr. Wir kommen noch ein wenig ins Plaudern. Ich berichte von meinen Kinderbüchern, er ist eventuell an einem für seine Tochter interessiert. Er erzählt von einer Geschichte, die die Großmutter geschrieben und seine Mutter illustriert hat. "Das gibt sicher auch ein hübsches Buch." Ich empfehle den kleinen Verlag, bei dem ich meine Bücher hab herstellen lassen und verspreche, ihm die Anschrift zu übermitteln. Er muss erst noch Form in den Text bringen, weiß nicht wann. Ich biete meine Tippdienste an, wir verabschieden uns lächelnd. Mit zwei Rezepten in der Hand verlasse ich die Praxis, um jetzt mit dem Aufzug in die vierte Etage zu fahren. Hier hat mein Urologe seine Praxis, wo ich ein Rezept vorbestellt habe. Erst ist es nicht auffindbar, aber eine der Arzthelferinnen findet es schließlich. Drei Arzttermine erledigt - juchhu! Da ich keine Armbanduhr trage, entnehme ich einer großen Kaufhausuhr die Zeit. Beim Halsnasenohrenarzt habe ich nur eine halbe Stunde verbracht. Für ein Mittagessen ist es noch zu früh. Schnellentschlossen betrete ich einen kleinen Friseurladen, in dem ich schon seit langem einmal meinen Pony schneiden lassen möchte. Ein Kunde wird bedient, weitere warten nicht. Ich nehme Platz und werde nach kurzer Zeit aufgerufen. Eine nette Friseurin schnippelt genau und gibt sich viel Mühe. Mit dem Ergebnis bin ich durchaus zufrieden, wenn ich auch 5 EUR für überzogen halte. Die Preise macht nicht sie, überlege ich und gebe ihr ein Trinkgeld. Sie hilft mir in meine Jacke und ich wünsche ihr alles Gute, denn sie ist hochschwanger. Wunderbar! Wieder ein Punkt, den ich abhaken kann. Denn dieser Zwischendurchschnitt war dringend nötig. Von der nächsten Telefonzelle rufe ich meinen Mann im Büro an, berichte kurz, was ich inzwischen erledigt habe. "Schade, dass es nun doch eine Nebenhöhlenentzündung ist", meint er. Wir sind jedoch beide froh, dass ich um ein Antibiotikum herum komme. Als ich die Telefonzelle verlasse, fühle ich mich innerlich richtig zufrieden. Habe bisher viel erledigt, und selbst der heftig gewordene Regen stört mich nicht. Weiter geht's. Ich habe
einen Computerausdruck bei mir, den ich bei der nächsten Behandlung
meiner Krankengymnastik mitnehmen möchte. Ihre Praxis ist nicht weit,
also entscheide ich mich, ihn heute schon dort abzugeben. Vielleicht hat
sie grade Pause. Als ich die Eingangstür öffne, sitzt sie hinter
dem Tresen der Anmeldung und freut sich, dass ich ihrer Bitte nachgekommen
bin. Nun noch zum Buchladen gegenüber. Zwei bestellte Bücher abholen, dazu ein nettes Gespräch mit der Kassiererin. Nein, ich habe das Wetter auch nicht bestellt. Als sie die Bücher aus dem Bestellfach nimmt, eine weitere Freude. Eines der beiden sieht wunderschön aus. Ich hatte bei einem Preis von 9,90 EUR mit einem Taschenbuch gerechnet. Nun handelt es sich jedoch um eine gebundene Ausgabe mit einem hübschen Titelbild. Ich bezahle und wünsche einen schönen Tag. Beim Verlassen des Ladens fällt mir im Kaffeegeschäft nebenan ein Prospekt ins Auge, das ein Silvesterbild zeigt. Es handelt sich um Werbung und ich nehme es mit. Das Bild kann ich zu Hause einscannen und so meinen Silvestermailgruß schmücken. Über solche Kleinigkeiten, zumal kostenlos, kann ich mich diebisch freuen. Zum Schluss mache ich mich auf, die Straße an der Ecke zu überqueren, um bei meinem Lieblingstürken einen Bauernsalat zu essen. In aller Ruhe, denn mein Pensum für heute Vormittag ist erledigt. Ich freue mich auf ein noch leeres Lokal. Es ist leise, ich sitze im Trockenen, kann schreiben und mir Zeit lassen. Und das herrlich frische Fladenbrot, das zu jeder Mahlzeit gehört, genießen. Zwar regennass, doch zufrieden warte ich darauf, dass die Ampel auf Grün umspringt.
(15. November 2005)
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