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Beim Frühstück
gießt sich Antje eine Tasse Kaffee nach.
"Möchtest du auch noch eine?" fragt sie ihren Mann Gunnar.
"Gerne", nickt dieser und schaut kurz von seiner Zeitung hoch.
"Schatz", unterbricht sie ihn wiederum, "du weißt
doch, dass ich an diesem Wochenende nicht zu Hause sein werde? Ich wollte
dich nur noch einmal daran erinnern."
Gunnar faltet die Zeitung endgültig zusammen, sieht auf die Uhr.
"Ja, ich habe es im Kalender gesehen. Er liegt doch auf dem Schreibtisch.
Außerdem ist es wie in jedem Jahr."
Antje lächelt entspannt.
"Na ja, ich wollte dich nur noch einmal daran erinnern."
Gunnar schaut seine Frau überrascht an. Heute wirkt sie recht munter.
Selten ist sie morgens gleich ansprechbar. Beinah entspannt sieht sie
aus, mit einem fröhlichen Lächeln um die Augen.
"Ist irgendetwas mit dir? Hast du eine neue Frisur?"
Er sieht genau hin, aber die ersten grauen Haare sind noch vorhanden.
`Die Jahre sind nicht spurlos an ihr vorüber gegangen. Aber auch
ich werde nicht jünger`, überlegt er.
"Nein, ich war nicht beim Friseur", antwortet Antje und denkt:
'Das macht die Vorfreude.'
Einige Minuten später zieht Gunnar sein Jackett an, nimmt seinen
Aktenkoffer und verabschiedet sich von Antje. "Tschüss. Ich
wünsche dir ein schönes Wochenende."
Antje gibt ihm einen Kuss. Gunnar wundert sich und sieht sie erstaunt
an. `Was ist bloß mit ihr los?`
Dann öffnet sie die Wohnungstür und antwortet lächelnd:
"Das wünsche ich dir ebenfalls." Beschwingt schließt
sie die Tür hinter ihm.
Vom Küchenfenster aus winkt sie ihm noch zu, bis er ins Auto eingestiegen
ist. Als er los fährt, wendet sie sich vom Fenster ab. Innerhalb
kurzer Zeit räumt sie die Küche auf. Sie hat jetzt Wichtigeres
zu tun, als sich um langweilige Hausarbeit zu kümmern. Die kann warten.
Antje geht ins Wohnzimmer und kniet sich vor den Wohnzimmerschrank, indem
sie ihre CDs untergebracht hat. Ganz hinten in der Ecke findet sie die,
nach der sie sucht: Blue Spanish Eyes. Ach, wie haben sie diese Musik
geliebt. Sie legt die CD in den Player und stellt ihn laut. Während
sie langsam durch den Raum schwebt, erinnert sie sich, wie sie getanzt
haben, damals. Sie hat sich an ihn geschmiegt, verschmolzen zu einer Einheit.
Ihre Füße schienen sich von ganz allein über den Boden
zu bewegen. Es kommt ihr vor, als fühle sie seine Hände über
ihren Rücken streichen, langsam, ganz sanft. Sein Gesicht kommt ihrem
näher. Sie tanzen Wange an Wange.
'Ich sollte aufhören zu träumen', ruft sich Antje zur Ordnung,
stellt den Apparat leiser und geht ins Schlafzimmer. Die Hülle der
CD nimmt sie direkt mit, damit sie die Lieblingsmusik auf keinen Fall
vergisst. Hier holt sie ihren kleinen Koffer, der ganz oben auf dem Kleiderschrank
liegt, herunter und öffnet gezielt ihren Kleiderschrank. Wie jedes
Jahr weiß sie, was sie einpacken möchte. Das weinrote Samtkleid
hatte sie bereits gestern Abend zum Lüften auf den Balkon gehängt.
Sie ist froh, dass es nach all den Jahren noch passt. Es wird ihm gefallen.
Erinnerungsfetzen fliegen zu ihr. `Die Farbe deines Kleides passt herrlich
zu diesem Rotwein, mein Liebes.` Ein Kuss auf den Haaransatz öffnet
alle Sinne in ihr ...
Plötzlich fällt Antje noch etwas sehr Wichtiges ein: die Perlenkette!
'Die darf ich auf keinen Fall vergessen, sonst wirkt das Kleid nicht.'
Die Erinnerung kehrt zurück, wie er ihr die kühle Kette umgelegt
hatte. `Perlen lassen deine Haut schimmern wie Seide.` ... Zart hatte
er ihren Hals berührt ... Sie reißt sich von ihren Träumen
los. Die Schatulle, in der sie die Kette aufbewahrt, findet sie in ihrem
Wäscheschrank. Wann sonst hat sie Gelegenheit, Perlen zu tragen?
Sehr selten.
Nun das Parfüm. Das Echte. Nicht das Eau de Toilette, das sie sonst
benutzt. Es war ein Weihnachtsgeschenk. Selten hat sie so etwas Kostbares
bekommen. Vorsichtig packt sie den kleinen Flakon in ihr Köfferchen.
Aus einer Schublade holt sie etwas hervor, das in Seidenpapier eingepackt
ist. Vorsichtig wickelt sie es aus. Ein malvefarbenes seidenes hauchzartes
Negligé kommt zum Vorschein.
`Wann kann ich sonst so etwas anziehen?`, überlegt sie. Zögernd
hält sie es sich vor ihren Körper. 'Ja, das soll es sein', freut
sie sich und packt das Negligé zielstrebig in den Koffer.
Nun geht's hurtig an die restlichen Sachen. Kultur- und Schminktäschchen,
Wäsche, allerlei Kleinigkeiten. Nur die Pumps, die sie jahrelang
zu dem hübschen Kleid trug, gibt es nicht mehr. Stattdessen hat sie
bequemere, elegante Lackschuhe gekauft. Das Äußere soll zum
nächtlichen Kerzenlichtdinner stimmig sein. 'Hinterher vielleicht
Tanz in der kleinen Hotelbar.' Schon wieder träumt sie vor sich hin.
Dann fällt ihr der tragbare CD-Player ein. Ohne ihn können sie
die gemeinsame Musik nicht hören. Er findet sich im Flurschrank.
Nach dem Packen zieht Antje sich aus und nimmt ein herrliches Schaumbad.
Sie wäscht sich die Haare und macht eine Haarkur. Hinterher reibt
sie ihren Körper von oben bis unten mit einem duftenden Körperöl
ein. Alles soll perfekt sein. Als sie im Bad fertig ist, schlüpft
sie in ihren bereitgelegten Hosenanzug und begutachtet sich noch einmal
im Spiegel. Ja, mit dem Ergebnis kann sie zufrieden sein. Ihre Figur hat
sich in den all den Jahren nur unmerklich verändert.
Na ja, die paar Falten werden wir übersehen, schmunzelt sie. Wie
ich mich freue.
Als letztes packt sie die CD aus dem laufenden CD-Player in ihren Koffer
und klappt ihn zu. Nachdem sie die Wohnung kurz überprüft hat,
ruft sie Gunnar im Büro an.
"Ich fahre gleich. Wirst du auch zurecht kommen?"
"Das weißt du doch. Ich komme klar. Fahr du nur. Auf Wiedersehen",
antwortet ihr Mann.
Er lächelt in sich hinein.
Vorfreude breitet sich aus.
Darauf, sich an diesem freien Wochenende mit seiner Geliebten zu treffen.
Sie wird sich freuen, dass er viel Zeit für sie hat.
Nachdem Antje den Hörer aufgelegt hat, wählt sie erneut und
bestellt ein Taxi. Ihr Herz beginnt, heftiger zu klopfen.
Hoffentlich wird's so schön wie immer, sinniert sie, nimmt ihre Handtasche
und den Koffer und verschließt die Wohnungstür.
Das Taxi bringt sie zum Bahnhof, wo sie in einen Schnellzug steigt.
Nach zwei Stunden erreicht sie eine malerische Kleinstadt. Hier hatten
sie sich vor über 20 Jahren kennen gelernt.
Vom Bahnhof aus geht sie zu Fuß. Der Weg führt durch einen
hübschen kleinen Park. Beflügelt von der Vorfreude auf dieses
Wochenende beschleunigt sie ihre Schritte. `Vielleicht erwartet er mich
schon`, überlegt sie.
In einem romantischen kleinen Hotel wird sie freundlich begrüßt.
"Wie immer, gnädige Frau?", fragt der Portier lächelnd,
als sie schwungvoll durch die Drehtür die Hotelhalle betritt.
"Selbstverständlich", antwortet Antje. "Wie jedes
Jahr."
Während sie die Anmeldung ausfüllt, fragt sie leise: "Ist
er schon eingetroffen?"
"Ja, gnädige Frau. Ihr Mann ist eine halbe Stunde vor ihnen
angekommen", entgegnet er und reicht ihr mit einer Verbeugung den
Zimmerschlüssel. `Ein nettes Paar`, denkt er.
Freudig erinnert sich Antje an die Abmachung, die sie und Gunnar vor einigen
Jahren gemeinsam getroffen haben.
Zur Auffrischung ihrer Beziehung treffen sie sich.
Wie zwei Verliebte.
Einmal pro Jahr.
Ein Wochenende lang.
In diesem wunderschönen kleinen Hotel in der Stadt, in der sie sich
kennen gelernt haben.
Vor vielen Jahren.
Der Portier sieht ihr lächelnd nach, als sie rotwangig vor Erregung
die Treppe nach oben besteigt. Flotten Schrittes ...
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(c) Karin Ernst
Bild: (c) Karin Scholles
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