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Jan steht im Schlafanzug
am Kinderzimmerfenster und sieht träumend hinaus.
Seine Mutter kommt herein. "Willst du dich gar nicht anziehen? Es
ist doch ein wunderschöner Tag. Schau, wie die Sonne scheint. Träumst
du?", fragt sie.
"Ich ziehe mich gleich an, damit ich rausgehen kann. Ich überlege
nur gerade ...", sinniert er.
"Was überlegst du?"
"Mama, weißt du, wo die Sonne wohnt?"
Die Mutter nimmt Sachen aus dem Schrank und räumt ein wenig im Zimmer
auf. "Wo die Sonne wohnt? Worüber du aber auch immer nachdenkst.
Langsam muss ich für den Urlaub packen." Sie geht nicht näher
auf die Frage ein. Die Familie will in ein paar Tagen an die Nordsee in
Urlaub fahren. Vieles will vorher noch geplant werden.
`Ich werde schon herausfinden, wo die Sonne wohnt`, denkt sich der Junge.
Nach dem Frühstück geht Jan raus zum Spielen. Herrlicher Sonnenschein
empfängt ihn. Er schaut sich die Sonne an. Gar nicht so einfach ist
das, denn sie blendet so, dass er sich die Hand vor die Augen halten muss.
"Wo magst du nur wohnen?", fragt er, bekommt aber keine Antwort
von ihr.
Vor lauter Helligkeit muss er wegschauen. Beinah wäre er über
seine Katze gestolpert. Sie liegt faul in der Sonne und räkelt sich
genüsslich.
"Hast du eine Ahnung, wo die Sonne wohnt?", fragt Jan. "Du
liegst so oft draußen, wenn sie scheint. Du müsstest es eigentlich
wissen."
"Nö, keine Ahnung. Interessiert mich auch nicht. Hauptsache,
sie scheint, damit ich hier faul rumliegen kann", antwortet das Tier.
"Ich werde schon jemanden finden, der mir Antwort geben kann."
Zwischen Spielen und Toben vergisst Jan, dass er nach der Antwort suchen
wollte, wo die Sonne wohnt.
Nachmittags fällt ihm sein Vorhaben wieder ein. Das Telefon klingelt.
Die Oma ist dran. "Na, mein Junge. Geht's dir gut? Freust du dich
schon auf eure Ferien an der See?"
"Ja, Oma. Aber ..." Er zögert. Dann spricht er weiter:
"Oma, weißt du vielleicht, wo die Sonne wohnt? Dauernd steht
sie am Himmel. Aber wo wohnt sie wirklich?"
Seine Oma überlegt eine Weile. Dann antwortet sie: "Jan, die
Sonne wohnt in Kinderherzen. In jedem Kind."
Sie spricht so überzeugt, dass Jan sie nicht mehr fragen will. Doch
er überlegt: `Wie soll eine Sonne in sein Herz hineinpassen? Die
ist doch viel zu groß dafür. Was die Oma auch immer erzählt!`
Jetzt fällt ihm etwas ein. `Ich weiß, wen ich fragen kann.
Wenn Papa nach Hause kommt, werde ich ihn fragen. Der weiß so viel.
Sicher kann er auch im Internet nachsehen. Papa sagt immer, man könne
alles im Internet finden. Vielleicht steht dort ja, wo die Sonne wohnt.`
Als sein Vater abends heimkommt, überfällt ihn Jan sofort mit
seiner Frage: "Papa, kannst du mir vielleicht sagen, wo die Sonne
wohnt? Ich wüsste es wirklich gerne. Jeder wohnt irgendwo. Die Sonne
muss auch irgendwo wohnen."
Der Vater schmunzelt. "Ich habe so viele schlaue Bücher. In
einem werde ich wohl die Antwort finden. Später werde ich nachsehen.
Ich kann auch ins Internet gehen und dort suchen. Gedulde dich ein wenig.
Wenn ich etwas herausfinde, sage ich es dir."
Jan gibt sich mit der Antwort zufrieden. Doch er denkt: `Hoffentlich vergisst
er es nicht. Papa hat immer so viel zu lesen und am Computer zu erledigen.`
Er seufzt ein wenig, weil er seinen Vater ziemlich genau kennt.
Bisher hat er nicht gewusst, wo die Sonne wohnt. Nun kann er noch ein
wenig länger warten. Eine Antwort muss es geben.
Am nächsten Tag geht der Junge wieder raus spielen. Er trottet ein
wenig vor dem Haus herum, weil kein Spielkamerad zu sehen ist. Der Nachbarhund
liegt vor der Haustür. Vorsichtig lugt er durch ein Auge zu Jan.
Er kennt ihn gut.
"Kannst du mir sagen, wo die Sonne wohnt? Du liegst auch so gerne
in ihrer Wärme. Vielleicht weißt du es ja", hofft Jan.
"Nee, weiß ich auch nicht. Ich glaube nicht, dass Hunde so
etwas wissen müssen. Wir haben nur Instinkt. Scheint die Sonne, legen
wir uns in die Wärme. So einfach ist das."
"Schade", antwortet Jan und geht weiter.
Kein Kind ist zu sehen. Wo sind die anderen nur alle? Ein wenig langweilig
ist ihm. Er geht auf das Grüngelände, das in der Nähe des
Elternhauses liegt. Seine Eltern haben ihm erlaubt, hier zu spielen. Von
ihrem Hause aus können sie ihn gut beobachten. Jetzt kommt er zu
den Weiden.
Auf einer Koppel sieht er sein Lieblingspferd. Er kann zwar noch nicht
reiten, aber wenn er zur Weide kommt, kommt das Tier immer zum Zaun. Jan
füttert es ein wenig mit frischem Gras und schaut sich das Pferd
genau an. "Du hast solch einen großen Kopf. Sicher weißt
du eine ganze Menge."
Das Pferd schaut ihn interessiert an und schüttelt seine Mähne.
"Weißt du vielleicht, wo die Sonne wohnt? Niemand konnte mir
bisher eine Antwort geben."
Es überlegt eine ganze Weile, schüttelt dann nochmals heftig
seinen Kopf. "Nein, mein Junge. Das weiß ich nicht. Die Sonne
scheint. Es regnet. Das ist eben so. Mehr Gedanken machen wir uns nicht
darüber."
"Okay", sagt Jan, streichelt es noch einmal und läuft davon.
Er versucht, wie ein Pferd zu springen. So richtig gelingt es ihm nicht,
macht aber viel Spaß. Dann spielt er ein neues Spiel. Er versucht,
auf dem Schatten, den ein Sonnenstrahl hinterlässt, zu laufen. Plötzlich
landet er beinahe in einem Stacheldrahtzaun. Hier endet der Schattenstrahl
nämlich.
In diesem Moment glaubt Jan zu träumen. Die Erde bewegt sich! Erschrocken
traut er kaum seinen Augen. Er sieht genauer hin und muss lachen. "Ach,
du bist es, Mauli."
Ein Maulwurf hat sich durch die Erde nach außen gewühlt und
blinzelt in die Helligkeit. Jan mag Tiere und hat auch schon Maulwürfe
gesehen. Seine Eltern mögen im Garten keine, weil sie den Rasen zerwühlen.
Der Junge und der Maulwurf sehen sich an, da fällt Jan seine Frage
ein. "Hast du eine Ahnung, wo die Sonne wohnt? Ich will es unbedingt
wissen."
"Um Gottes Willen, lass mich bloß mit der Sonne zufrieden",
antwortet Mauli. "Wir Maulwürfe leben doch unter der Erde. Dort
ist es dunkel. Wir mögen die Sonne nicht." Spricht`s und schwupp,
ist er wieder in seinem Erdloch verschwunden.
Langsam geht die Sonne unter. Jan betrachtet sie. "Warum kannst du
mir nicht sagen, wo du wohnst?" Dann zieht plötzlich ein Lachen
über sein ganzes Gesicht. "Ich werde es selbst herausbekommen",
ist er sich sicher. Und rennt los. So, als wenn jemand hinter ihm her
ist. Der Junge hat nämlich gesehen, dass die Sonne hinter dem nächsten
Haus verschwindet. Er wird herausfinden, ob sie dort wohnt.
Er läuft und läuft und kann bald nicht mehr. Als er endlich
das Haus erreicht, hinter dem er die Sonne vermutet, ist er enttäuscht.
Keine Sonne ist zu sehen.
"Och, Mensch, wo ist sie jetzt geblieben?", fragt er sich.
Er sieht sich noch weiter um, sieht die Sonne aber nicht. Hinter einem
Weidezaun neben dem Haus entdeckt er einige Heidschnucken. Der Besitzer
hat diese Schafe erst vor kurzem bekommen. Jan kennt sich mit diesen langhaarigen
Schafen nicht so gut aus. Andere mag er gerne. Vor allem die Lämmchen.
Vorsichtig geht er an den Zaun. Die Schnucken sind zutraulich. Sie kommen
gleich angelaufen, so dass Jan auch ihnen ein wenig frisches Gras gibt.
"Böh", machen sie zum Dank.
"Mögt ihr Schafe eigentlich die Sonne?"
"Natürlich. Dann wächst leckeres Gras", sagt das dickste
Schaf.
"Dann wisst ihr vielleicht, wo die Sonne wohnt?"
"Woher sollen wir das wissen? Wir sind ständig damit beschäftigt,
Gras zu fressen. Da haben wir keine Zeit, uns darüber Gedanken zu
machen."
Jan nuschelt zur Antwort: "Blöde Schafe", und geht nach
Hause.
Am nächsten Morgen ist es endlich soweit. Er fährt mit seinen
Eltern an die Nordsee. Dort waren sie schon einmal gewesen und es hatte
allen gut gefallen.
"Och, nun regnet es wieder. Schade", ruft der Vater. "Für
die Fahrt hätte ich mir Sonne gewünscht."
Die Mama gibt zu bedenken, dass es bei Sonnenschein zu warm im Auto ist.
"So ist es besser, doch vielleicht hört es bald auf zu regnen."
So kommt es. Auf der Fahrt bleibt es trocken. Die Sonne zeigt sich allerdings
nicht. Je näher sie ihrem Urlaubsort kommen, desto heller wird der
Himmel. "Wenn Engel reisen", freut sich die Mutter.
Am Nachmittag erreichen sie ihr Urlaubsziel. Als alle aus dem Auto aussteigen,
scheint die Sonne strahlend vom Himmel.
"So ist das an der See. Erstaunlich", sagt Jans Vater.
Sie packen aus und Jan schaut sich um.
"Gehen wir nachher zum Wasser?"
"Wenn wir fertig mit dem Auspacken sind, können wir los",
antwortet sein Vater.
Doch es wird später, als Jan gehofft hatte. Bis sie zum Wasser zu
gehen, ist es bereits früher Abend.
"Sieht der Himmel hier am Meer nicht viel schöner aus, als bei
uns?", fragt die Mutter.
Jan schaut, kann aber keinen großen Unterschied erkennen.
Als sie zum Deich kommen, läuft er ihn schnell hinauf. "Mama,
Papa, das Wasser ist da", ruft er. Gut kann er sich nämlich
noch daran erinnern, dass es hier Ebbe und Flut gibt. Und ein Sprichwort
sagt: Das Wasser verschwindet, weil es zu viele Gäste nicht mag.
"Es mag uns, das Meer!", freut er sich.
Er rennt den Deich hinunter zum Wasser. Die Eltern folgen.
`Schön ist es am Meer`, denkt Jan und setzt sich auf einen der großen
runden Steine.
Seine Eltern haben sich auf einer Bank niedergelassen. Ganz verträumt
schauen alle aufs Wasser. Und auf den Himmel.
"Ist es nicht wie in dem Lied: Es löscht das Meer die Sonne
aus?", fragt die Mutter den Vater.
Jan wird plötzlich ganz hibbelig. In aller Reiseaufregung hatte er
die Sonne vergessen. Seine Frage fällt ihm wieder ein. In diesem
Moment geht die Sonne unter. Im Meer. Staunend verfolgt Jan dieses fantastische
Naturschauspiel. Und endlich hat er seine Antwort.
"Ich weiß jetzt, wo die Sonne wohnt", erzählt er
strahlend seinen Eltern.
"In der Nordsee ..."
***** E N D E *****
© Karin
Ernst
Bild: ©
Karin Scholles
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